Früher war alles schlechter – bis auf Säulendiagramme

Spiegel-Leser wissen bekanntlich mehr. Stefan Sexl, pmOne-Vorstand mit einem Faible für Information Design, erklärt in seinem Blog-Beitrag, warum es auch bei einem renommierten Nachrichten-Magazin nicht schaden kann, die Grafiken einem kritischen Blick zu unterziehen und den gesunden Menschenverstand einzuschalten.

Das Thema gute Business-Grafiken/schlechte Business-Grafiken ist keineswegs neu – es gibt mittlerweile hinreichend Material dazu. Eine besonders außergewöhnliche Interpretation, die in der Printausgabe 8/2016 des „Spiegel“ erschienen ist, hat es nun geschafft, mich zu diesem Blog-Beitrag zu animieren. In der von mir sehr geschätzten Serie „Früher war alles schlechter“, die mit dem „Früher war alles besser“-Vorurteil aufzuräumen versucht, findet sich eine Grafik, die den Rückgang der Hinrichtungen in den USA zeigt – oder besser gesagt selbiges versucht:

 

Quelle: „Spiegel“

 

Die Absicht ist leicht zu erkennen: Die Aussage „seit 1999 gibt es einen linearen Trend nach unten“ wird anhand einer Linie verdeutlicht. Die Zahlen passen sich an, wodurch eine kreative Neuinterpretation des Säulendiagrammes entsteht – das an einer schrägen Linie hängende, nach unten gerichtete Säulendiagramm mit variabler Grundlinie. Ich stufe selbiges übrigens auch als geistiges Eigentum der Spiegel-Grafiker ein (wenn Sie eine frühere Quelle finden, ich prämiere diese mit einer guten Flasche Wein – einfach unter stefan.sexl(at)pmone.com melden).

 

Mindestens ebenso kreativ ist die „Strichliste“, aus der sich die einzelnen Jahresbalken zusammensetzen. Soweit ich das stichprobenartig überprüfen konnte, entspricht die Zahl der einzelnen Linien tatsächlich der jeweiligen Anzahl an Hinrichtungen pro Jahr. Wie hilfreich das ist? Versuchen Sie doch einfach mal, die exakte Zahl der Hinrichtungen für 2002 zu ermitteln….

 

Information Design

Unter Information Design-Gesichtspunkten betrachtet, liegen hier die banalst möglichen Ausgangsdaten vor: Eine einfache Zeitreihe mit einer einzigen KPI, nämlich der Zahl der Hinrichtungen. Und um einen derartigen Sachverhalt darzustellen, ist meiner Meinung nach nichts besser geeignet als ein gleichermaßen banales, direkt beschriftetes Säulendiagramm. Hier der Beweis:

 

 

 

Verlängert man zudem die Zeitreihe nach vorne – die entsprechenden Daten sind im Web leicht zu recherchieren – ergibt sich plötzlich ein ganz anderes Bild. Die Aussage lautet dann: Die Zahl der Hinrichtungen ist seit 1976 angestiegen und hat 1999 mit 98 Hinrichtungen ihren Höhepunkt erreicht. Seitdem ist der Trend deutlich rückläufig. Nach einem Rückschlag im Jahr 2009 hat sich der Trend fortgesetzt. Diese einfache Grafik, für deren Erstellung ein Zeitaufwand von 60 Sekunden genügt, bietet zudem Spielraum für weitere Interpretationen. Verkünstelung erhöht also keineswegs die Aussagekraft.

 

Womit wir bei einer sehr beliebten Diskussion angelangt wären: Was ist der Anspruch einer derartigen Business Grafik – informieren und dem Leser eine möglichst einfache Plattform zu bieten, zu seinen eigenen Aussagen und Interpretationen zu gelangen, oder steht der Unterhaltungswert an erster Stelle? Bei einem Artikel in einer Wochenzeitschrift halte ich diese Diskussion – anders als im Unternehmensreporting – für zulässig, bin aber der Meinung, dass die Grenze zur (im vorliegenden Fall sicherlich unbeabsichtigten) Manipulation hier überschritten wurde.

 

PS: Trotz allem bin ich nach wie vor zufriedener Spiegel-Abonnent.

Stefan Sexl

Gründer der pmOne

pmOne AG

Stefan Sexl kennt den Business Intelligence-Markt seit Anfang der 90er Jahre aus verschiedensten Perspektiven. Neben Support- und Consultingtätigkeiten war er einer der Mitbegründer sowie Geschäftsführer der EFS Informationstechnologie, einem österreichischen Beratungsunternehmen für OLAP und BI. Bei der MIS GmbH (später MIS AG) leitete er das Produktmanagement für Business Intelligence, bevor er die Geschäftsführung für Vertrieb/Marketing der MIS Technologies übernahm. Nach einem Jahr als freier Berater und Autor kehrte er als Vorstand Marketing & Produkte zur MIS Gruppe zurück. 2007 gründete er dann die pmOne AG mit.

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