Software-Tools versus Ideen

Sie glauben auch, dass Software ein Allheilmittel ist und bei jeglichen Wehwehchen Ihres beruflichen Daseins für Linderung sorgen kann? Vor Risiken und Nebenwirkungen warnt pmOne-Consultant Felix Oettel.

Woher kommt eigentlich der in unserer Gesellschaft so tief verwurzelte Glaube an die Technik und den grenzenlosen Fortschritt? Er hängt wohl auch mit der Erfahrung zusammen, dass es mit der richtigen Software gelingt, Prozesse zu vereinfachen und Arbeitszeit einzusparen. Viele Probleme des alltäglichen (Geschäfts-)Lebens lassen sich in der Tat auf diese Weise lösen – oder zumindest besser in den Griff bekommen.

 

Doch Vorsicht – die Auffassung, dass sich allein mit Software vermeintlich alle oder zumindest viele Problemstellungen in Wohlgefallen auflösen, ist ein Trugschluss. Zumindest kann Software immer nur ein Teil einer zufriedenstellenden Gesamtlösung sein und muss in einem größeren Kontext betrachtet werden.

 

Manchmal erscheint es mir, als ob die Weiterentwicklung seit der Industrialisierung allein den Ingenieurwissenschaften zugeschrieben wird. Aber Erkenntnis kann nicht nur aus Formeln bestehen, sondern auch aus dem sinnlichen Begreifen der Objekte um uns herum. Deshalb sind auch Projekte, bei denen Entwickler denken, sie können Probleme allein durch Technik und neue Features lösen, zum Scheitern verurteilt.

 

Aber nicht nur interne IT’ler, sondern auch externe Berater und Vertriebler spielen gerne mit dem Klischee der allwissenden Software. Hin und wieder ist es hilfreich, sich klar zu machen, dass Vertriebler vor allem Lizenzen verkaufen und Umsatz generieren wollen. Und nur weil wir heutzutage überall mit IT-Features konfrontiert werden, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Produkte besser werden. Teilweise führen die zahlreichen „Verbesserungen“ vielmehr sogar dazu, dass Lösungen unnötig kompliziert werden.

 

Doch wie entstehen denn dann gute Lösungen? 

Durch widersprüchliche Eindrücke und Lösungswege, die in eine Einheit überführt werden müssen und so dazu beitragen, dass ein Problem vollendet wird. Übertragen auf Projekte bedeutet dies, dass die besten und günstigsten Lösungen entstehen, indem Fachabteilungen die Probleme und Prozesse zunächst einmal verstehen, um dann zu einer genauen Idee der Lösung zu gelangen und diese dann zwecks Umsetzung an die Techniker weitergeben.

 

Die IT sorgt also nicht für die Erleuchtung, sondern unterstützt den Erleuchteten, diese besser zu beschreiben. Daher sollten die (illuminierten) Fachabteilungen immer daran denken, dass eine technische Lösung nur so gut sein kann wie die Strukturiertheit der Experten aus ihren eigenen Reihen.

 

Liebe IT, solltet Ihr eine noch nicht ausgereifte Idee auf den Tisch bekommen, unterstützt Euren Kunden auf dem Weg, diese zu vollenden. Das funktioniert ganz einfach, indem Ihr ihm die Frage „warum?“ stellt. Liebe Fachabteilungen, Ihr dürft gerne von Lösungen, träumen und Euch von den Fesseln des irdischen Denkens befreien, aber seid auch bereit, die Nicht-Erleuchteten zu erhellen und ihnen Eure Gedanken mitzuteilen.

 

Erst wenn man seine Umwelt wirklich auch in Prozessen bzw. mathematischen Formeln erklären kann, hat man Sie verstanden (Platon). Überall da, wo man die mathematische Abstraktion der Welt erschließt, ist das Wissen auch gesichert bzw. empirisch erfassbar. Das bedeutet, dass jeder Prozess und jede Lösung, die bis ins Kleine durchdacht sind, auch umsetzbar sind. Voraussetzung ist jedoch ein reger und offener Austausch zwischen Fachabteilungen und Lösungsarchitekten. Schließlich ist IT ebenso wie Mathematik nur ein Werkzeug oder ein Handwerk, das Probleme beschreiben kann, die bereits (im Kopf?) gelöst wurden.


Fazit: IT-Berater (Entwickler usw.) sind in erster Linie Dienstleister. Sie sollen Probleme und Prozesse der Fachabteilungen vereinfachen. Die Erleuchtung – also die Lösung, mit der ein bestimmtes Problem zu bewältigen ist – muss von der Fachabteilung kommen. Dort müssen die Prozesse und das Problem zu 100 Prozent verstanden worden sein, bevor die IT helfen kann.

 

Oder um mit Platon zu sprechen: Die Mathematik – in diesem Falle die IT – sorgt nicht wie der Philosoph – in diesem Falle die Fachabteilung – für die Erleuchtung. Die Mathematik kann nur das beschreiben, was der Philosoph schon in seinem Inneren durchdrungen hat. Insofern kann die Lösung nie besser sein als das Ziel, das sich die Fachabteilung ausdenkt.