Was das Reporting von einer Zeitungsredaktion lernen kann

Publishing im Sinne einer professionellen Berichterstattung ist ein wesentlicher Aspekt von Reporting 2.0. Dabei wird der Berichtsprozess mit dem Ziel standardisiert, hohe Agilität, Stabilität und Qualität zu erreichen. Diese Kompetenzen sind zugleich Grundlagen des Journalismus. Im dritten und letzten Teil unserer Reporting-Serie geht es deshalb darum, welche Parallelen es zwischen Berichts- und Zeitungswesen gibt und inwiefern redaktionelles Arbeiten als Vorbild für das interne Berichtswesen dienen kann.

Publishing im Sinne einer professionellen Berichterstattung ist ein wesentlicher Aspekt von Reporting 2.0. Dabei wird der Berichtsprozess mit dem Ziel standardisiert, hohe Agilität, Stabilität und Qualität zu erreichen. Diese Kompetenzen sind zugleich Grundlagen des Journalismus. Im dritten und letzten Teil unserer Reporting-Serie geht es deshalb darum, welche Parallelen es zwischen Berichts- und Zeitungswesen gibt und inwiefern redaktionelles Arbeiten als Vorbild für das interne Berichtswesen dienen kann.

Obwohl die Zeitungsbranche mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert ist und zu viele publizistische Produkte fragwürdige Qualität aufweisen, können gerade Reporting-Verantwortliche aus der 400-jährigen Zeitungsgeschichte lernen. Schließlich wurde dort die Kunst der Recherche, der Meinungsbildung und der Kommunikation mit Texten und Bildern entwickelt. Zudem haben die Redaktionen Publishing-Prozesse entwickelt und etabliert, die tagtäglich ein pünktliches Erscheinen von Zeitungen gewährleisten.

An diesen Kompetenzen, Methoden und Systemen der Blattmacher orientiert sich Reporting 2.0 – wohlgemerkt am Qualitätsjournalismus und nicht an der Boulevardpresse. Auf die Personen in Berichtsfunktionen übertragen, bedeutet dies, dass sie in Zukunft denken sollten wie Journalisten, organisiert sein sollten wie Redaktionen und Systeme nutzen sollten, die professionelle Publishing Prozesse unterstützen.

 

Agilität bei Terminen und Formaten

Vor der digitalen Revolution hatten Redaktionen vor allem ein Problem: Wie schaffen wir es, die Zeitung am Morgen pünktlich beim Leser zu haben? Diese Kompetenz wurde perfektioniert. Das Nichterscheinen einer Zeitungsausgabe war und ist ein extrem seltenes Ereignis. Die Rahmenbedingungen änderten sich jedoch mit dem Vormarsch der Online Redaktionen. Hier gibt es keinen fixen Produktionszeitpunkt mehr. Vielmehr geht es darum, korrekte Inhalte möglichst zeitnah zu veröffentlichen.

 

Wie relevant sind Berichtsinhalte für die Herausforderungen von Führungskräften; Quelle: Roman Griesfelder

 

Wie sieht es im Reporting aus? Die enge Kopplung der Berichtszyklen an die Finanzprozesse führt zu Berichten, die tendenziell zu spät kommen. Schließlich ist die unternehmerische Wirklichkeit dynamisch. Was heute wichtig ist, ist morgen wahrscheinlich auch noch wichtig, aber nicht mehr unbedingt zu dem Zeitpunkt, an dem der nächste Standardbericht erscheint. Analog zu der Verschiebung von gedruckten hin zu Online-Ausgaben im Zeitungswesen, stehen auch im Reporting die Zeichen auf einer zunehmenden Abkehr von fixen Produktionsterminen. Neben regelmäßig erscheinenden Berichten werden künftig Ad-hoc-Reports immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Angesichts von parallel genutzten Kommunikationskanälen bedarf es zudem auch unterschiedlicher Berichtsformate. Das mussten Zeitungsredaktionen in den vergangenen Jahren auf schmerzliche Art und Weise lernen. Genauso herausfordernd ist eine neue Kultur im Umgang mit Informationen, die aus der Interaktion zwischen Autoren und Lesern resultiert. Erfolgreiche Online-Journalisten kennen ihre Leser und wissen ungefilterte Rückmeldungen zu schätzen. Das interne Berichtswesen hingegen agiert häufig noch als dunkle Einbahnstraße, in der Rückmeldungen mehr gefürchtet als erwünscht sind.

 

Auch organisatorisch ein Vorbild

Stabile thematische Strukturen sind essentiell für das Zeitungswesen. Ähnliche Themen werden in sogenannten ‚Rubriken‘ zusammengefasst. Dieses Gefüge erleichtert es dem Leser, sich zu orientieren.

 

Zeitungen haben feste Rubriken (Bünde) und sehr viele agile Inhalte (rot markiert); Quelle: Roman Griesfelder

 

Auch was die Themen anbelangt, steht immer das Leserinteresse im Vordergrund. Redakteure müssen sich ständig neu fragen: Was interessiert unsere Leser? Oder was könnte sie interessieren, wenn wir es ihnen nahebringen? Vor diesem Hintergrund ringen die Redaktionen permanent um die besten Inhalte, die sich täglich ändern. Niemand will monatelang ein Ereignis aus der immer selben Perspektive erklärt bekommen. Die Welt ist dynamisch, und wir haben es mit ständig wechselnden Themen zu tun – das gilt auch im Geschäftsleben.

Abgesehen von der Aktualität hat Reporting 2.0 den Anspruch, dass die Inhalte von Berichten aufeinander abgestimmt sind. Widersprüchliche Angaben und Schlussfolgerungen an unterschiedlichen Stellen des Berichts untergraben die Glaubwürdigkeit. Redaktionen handhaben das durch Prozessregeln, standardisierte Abstimmungen und passende Systeme. Der kontinuierliche Prozess des Abgleichens und des Hinterfragens ist ein Kernelement des Journalismus. Es führt zu einer hohen inhaltlichen Agilität, die trotzdem einem formalen Rahmen und einer gemeinsamen Grundgesinnung verpflichtet bleibt. Davon kann das Reporting viel lernen, denn oft agieren Berichtende in fachlichen und räumlichen Silos. Im schlechtesten Fall ist niemand in der Lage, übergreifende Zusammenhänge zu erkennen und zu beschreiben. Chefredakteure, Ressortleiter und Blattmacher sind redaktionelle Rollen, die auch in Organisationen mit wenig Aufwand implementiert werden können. Und es gibt keine bessere Form der Abstimmung, als der direkte, persönliche Austausch von Informationen und Meinungen.

 

Systemunterstützung als wichtiges Standbein

Neben den Prozessen spielen natürlich auch standardisierte Systeme eine tragende Rolle im Redaktionsalltag. Auch im Reporting sollte überall dort, wo mehrere Personen an der Entstehung von Berichten mitwirken, der Einsatz von Redaktionssystemen geprüft werden. Redaktionen bauen nämlich nicht nur auf eingespielten Industrieprozessen, sondern auch auf standardisierten Systemen auf. Nur so ist Zusammenarbeit und hohe Agilität bei gleichzeitig hoher Stabilität möglich. Der Einsatz geeigneter Systeme führt dazu, dass die Verantwortlichen zu jedem Zeitpunkt den Überblick über den Status und die Risiken des Prozesses haben. Sie können aktiv und reaktiv in den Entstehungsprozess eingreifen und Beiträge genehmigen oder zurückweisen.

Excel, PowerPoint und Word können diese Formen der Zusammenarbeit und Qualitätssicherung nicht ausreichend unterstützen. Allerdings gibt es Lösungen, die auf Office aufsetzen oder neue Anwendungen zu Verfügung stellen.

 

Agilität, Stabilität und Qualität im Redaktionsalltag

Wenn Agilität, Stabilität und Qualität wichtige Kriterien eines zeitgemäßen Reporting sind, dann können wir viel von Zeitungsredaktionen lernen:

Agilität bedeutet, dass Zeitungen eine klar erkennbare Grundstruktur haben, ihre Seiten sich jedoch bei jeder Ausgabe mit neuen Informationen füllen. Um dabei das erforderliche Maß an Stabilität einhalten zu können, greifen sie auf standardisierte Prozesse und Systeme zurück, die sie bei der Planung und Erstellung umfangreicher Medienprodukte unterstützen. Dabei ist es ein wichtiges Merkmal der Redaktionssysteme, dass sie gleichzeitig von mehreren Autoren genutzt werden können. Und schließlich stellt die Einhaltung von Qualitätsrichtlinien eine ganz besondere Herausforderung in der Medienbranche dar. Nach der weitgehenden Emanzipation der Presse von politischen Einflüssen sieht sie sich heute einer starken wirtschaftlichen Abhängigkeit gegenüber (Einnahmen über Anzeigen). Mögliche Interessenskonflikte versucht man unter anderem durch Redaktionsstatuten zu vermeiden. Interessenskonflikte sind auch im Reporting an der Tagesordnung. Im Sinne einer verantwortungsvollen Unternehmensführung müssen jedoch Klarheit und Wahrheit immer über den Einzelinteressen stehen. Deshalb werden im Reporting Autoren benötigt, die unabhängig recherchieren, mutig Meinung bilden und verständlich kommunizieren.

Roman Griesfelder

Roman Griesfelder war nach seinem Studium (BWL und Soziologie an der Johannes Kepler Universität in Linz, Österreich) zehn Jahre in leitenden Funktionen als Controller und Projektleiter in der Schweiz tätig, bevor er in die Unternehmensberatung wechselte. Auf seinem bisherigen beruflichen Weg hat er sich intensiv mit der Konzeption und der Weiterentwicklung von Berichtssystemen beschäftigt und diese in der Praxis angewandt. Zwischen 2008 und 2011 arbeitete er eng mit Dr. Rolf Hichert zusammen, u.a. als Geschäftsführer von HICHERT+PARTNER. Ende 2011 gründete er die aspektum gmbh und übernimmt dort Vortrags- und Seminartätigkeiten zu verschiedenen Themen der Geschäftskommunikation. Roman Griesfelder unterstützt Organisationen bei der Entwicklung ihrer Geschäftskommunikation.

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