Es geht darum, komplexe Zusammenhänge aufzudecken

Im Interview mit dem Planungs-Experten von pmOne, Prof. Dr. Karsten Oehler, geht es darum, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um zu einer vorausschauenderen Unternehmenssteuerung zu gelangen und wie es ohne zusätzliche Investitionen gelingt, in kürzester Zeit zig Tausende Simulationskalkulationen zu berechnen.

Herr Professor Oehler, was genau muss man sich unter Treibersimulation vorstellen?

Prof. Dr. Karsten Oehler

Bei der Treibersimulation geht es darum, den Fokus auf Abhängigkeiten und Ursache-Wirkungsbeziehungen im Unternehmen zu legen. Das ist im Grunde genommen natürlich nichts Neues. Aber die klassische Planung und Budgetierung ist stärker auf die residualen Größen wie GuV, Bilanz und Deckungsbeitragsrechnung ausgerichtet. Auch die Konzentration auf die Treiber dieser Größen ist nicht unbedingt neu. Aber in der Konsequenz, das Planungssystem komplett darauf auszurichten, ist das – gemessen am Großteil existierender Planungssysteme – innovativ. Wenn man diese Treiber modelliert hat und die Abhängigkeiten kennt, dann ist es auch naheliegend, verschiedene Szenarien durchzuspielen. Die zentrale Frage lautet: Welche Veränderungen an Basisparametern haben welche Auswirkungen? Dabei geht es weniger um eher triviale Simulationen wie die Höhe des Unternehmensgewinns, wenn der Absatz um 5 Prozent steigt. Vielmehr geht es darum, komplexe Zusammenhänge aufzudecken und für umfassende Szenarien nutzbar zu machen. 

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wenn im Beschaffungsbereich die Rohstoffpreise um einige Prozent steigen – welche Auswirkung hat das auf den Unternehmensgewinn? Und vor allem: Welche Folgeentscheidungen ergeben sich daraus? Ein mögliches Resultat wäre, dass sich die Produktion eines Produktes gar nicht mehr lohnt oder dass Alternativen gesucht werden müssen, zum Beispiel bei den verwendeten Materialien. Solche Entscheidungen lassen sich nur bedingt automatisieren. Sich deren Effekte vor Augen zu führen – das ist gelebte Treibersimulation.

 

Worin liegt der Vorteil für die Unternehmen?

Treibersimulation ist im Grunde genommen ein Werkzeug zur Entscheidungsunterstützung. Unternehmen, die Szenarien frühzeitig durchgespielt und sich Folgemaßnahmen überlegt haben, werden nicht mehr so stark von Ereignissen oder auch kontinuierlichen Veränderungen wie beispielsweise Rohstoffpreissteigerungen oder Währungsschwankungen überrascht. Sie haben entsprechende Pläne in der Schublade und können besser einschätzen, welche Maßnahmen in einer bestimmten Situation einzuleiten sind. Der große Vorteil der Treibersimulation besteht für Unternehmen also darin, dass sie flexibler sind und ihre Reaktionsfähigkeit steigern, indem sie sich auf solche Ereignisse vorbereiten und dann koordiniert vorgehen können.

 

Führt die Treibersimulation also zu einer vorausschauenderen Unternehmenssteuerung?

Genauso ist es. Der Fokus der klassischen Mittelfristplanung ändert sich. Zunehmend wichtiger ist es, mit gesammelten Informationen und Einschätzungen zu spielen und sie für Szenarien zu nutzen. pmOne betreut beispielsweise einen Kunden aus dem Automobilbereich, der eine 10-/15-Jahresplanung durchführt. Kritiker mögen die Sinnhaftigkeit anzweifeln, denn wer weiß schon, was in 15 Jahren ist? Gibt es da überhaupt noch Benzinmotoren, Dieselmotoren? Der Kunde schafft sich mit dem Durchspielen solcher Szenarien allerdings einen Rahmen. Wenn die Langfristplanung durchgeführt ist und die wesentlichen Treiber identifiziert und modelliert sind, lassen sich Szenarios zur Einschätzung heranziehen. Zum Beispiel: Was passiert, wenn wie bereits angekündigt, 2025 in einigen EU-Staaten keine Benzin- und Dieselmotoren mehr verkauft werden dürfen? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Ist es ratsam, das Thema Elektroautos stärker zu fokussieren? Welche Investitionen sind zu tätigen? Solche Handlungsempfehlungen lassen sich mit einer Simulation konkretisieren.

 

In Ihren Planungsprojekten arbeiten Sie mit der Software Tagetik. Inwiefern unterstützt diese Lösung Anwender bei der Durchführung von Simulationen? 

Dadurch dass sich Wirkungsketten abbilden lassen, ist Tagetik bestens für die Gestaltung einer Unternehmensplanung geeignet, der Treiber und Einflussfaktoren zugrunde liegen. Eine solche treiberorientierte Planung haben wir beispielsweise bei Henkel implementiert. Die treiberorientierte Simulation geht allerdings noch einen Schritt weiter. Und hier stoßen klassische Planungswerkzeuge dann an ihre Grenzen. Um die Simulationen in einer hohen Geschwindigkeit durchführen zu können, bedarf es einer leitungsfähigen Kalkulations-Engine. Denn damit Risikoverteilungen in die Planung mit einfließen können, müssen unterschiedlichste Szenarien und Wahrscheinlichkeiten in kürzester Zeit zig Tausendmal durchgespielt werden. Tagetik eignet sich hervorragend, um solche Simulationsrechnungen vorzubereiten und die Parameter und Wirkungsbeziehungen zu erfassen. Und dann kommen spezialisierte Kalkulationswerkzeuge ins Spiel. Wir verwenden unter anderem die Entwicklungsumgebung "R", um Simulationen durchzuführen. Es handelt sich um eine perfekte Kombination, weil Tagetik extrem offen ist und es sehr einfach ist, die relevanten Informationen an "R" zu übergeben, wo dann die eigentliche Kalkulation stattfindet. Um Tagetik-Modelle noch einfacher zu extrahieren, haben wir zudem eine Bibliothek entwickelt.

 

Welche Voraussetzungen müssen Ihre Kunden mitbringen, um in eine Treibersimulation einzusteigen?

Der Einstieg ist recht einfach, denn bei "R" handelt es sich um Open Source. Zudem ist "R" auf ganz unterschiedlichen Plattformen verfügbar. Insofern bedarf es keiner neuen Infrastruktur. Durch diese offene Architektur kann "R" auch direkt mit Tagetik kommunizieren. Im Zusammenspiel fungiert "R" also lediglich als schnelle Rechen-Engine für die Simulationskalkulation, die auf Tagetik aufsetzt. Nach Abschluss dieses Kalkulationslaufs werden die Daten wieder an Tagetik zurückgegeben und dort gespeichert. In "R" selbst werden keine Daten vorgehalten.

 

Wie sieht es bei einer solchen Konstellation mit Erweiterungsmöglichkeiten aus?

Prof. Dr. Karsten Oehler

Eine solche Umgebung hat den Vorteil, dass sie sich relativ leicht konfigurieren lässt. Wenn man tiefer einsteigen und "R" beispielsweise in einer verteilten Umgebung nutzen möchte, gibt es Erweiterungen, bei denen es möglich ist, mit mehreren Leuten auf ein zentrales System zuzugreifen und zu simulieren. Ist darüber hinaus ein unternehmensweiter Roll-out geplant, können erweiterte "R"-Server eingesetzt werden, die dann allerdings nicht mehr frei nutzbar sind. Microsoft bietet hier eine sehr interessante Lösung. Aber das Schöne ist ja, dass man – ohne große Investitionen zu tätigen – erstmal einsteigen, ausprobieren und Szenarien umsetzen kann. Und mit der richtigen Vorgehensweise kann man schon ziemlich weit kommen.

 

Gibt es bestimmte Kundengruppen, für die sich der Einstieg besonders lohnt? 

Grundsätzlich ist es für alle Unternehmen interessant, wenn sie gut für zukünftige Entwicklungen gewappnet sind. Besonderen Nutzen dürften jedoch diejenigen Organisationen haben, die sehr stark von schwankenden Preisen in den Beschaffungs- und Absatzmärkten abhängig sind, wie beispielsweise die chemische Industrie. Aber auch der Bereich Automotive unterliegt größeren Schwankungen. Beim Leasing zum Beispiel ist die Restwertberechnung eines Automobils stark abhängig von zahlreichen volkswirtschaftlichen Faktoren. Auch wenn es um sehr große Veränderungen im Absatz geht oder bei internen Beziehungen, kann so eine Lösung interessant werden. Unternehmen mit einer hohen Produktkomplexität – nehmen wir die Fahrzeugbauer – können ihre internen Produktionsstrukturen in einem Treibermodell abbilden und auch komplexe Simulationen durchführen. Ich sehe keine Branchen, für die ein Einstieg in die Treiberorientierung nicht interessant wäre.

 

Aber es sollten gewisse organisatorische Voraussetzungen erfüllt sein, die dann vermeintlich eher in größeren Unternehmen anzutreffen sind. Sich mit den notwendigen Methoden auseinanderzusetzen, ist nicht trivial und braucht Zeit. Schwierig wird es, wenn man operativ sehr stark in das Tagesgeschäft eingebunden ist und nur geringe Ressourcen für weitere Aktivitäten zur Verfügung stehen. Idealerweise gibt es einen Planungsstab, der sich mit solchen Aufgabenstellungen befasst und sich ausreichend Zeit nehmen kann, um die entsprechenden Fragestellungen auszuarbeiten.

 

Welche Unternehmen praktizieren diesen Ansatz bereits? 

Eine Vorreiterbranche ist der Finanzbereich. Banken und Versicherungen sind stark von volkswirtschaftlichen Einflüssen abhängig und insofern gezwungen, sich im Rahmen der Risikoanalyse mit möglichen Szenarien auseinander zu setzen. Und hier gibt es wirklich gute Beispiele, wie Simulationsverfahren zu einer Verbesserung der Planung genutzt werden. Aber auch außerhalb der Financial Services tut sich einiges. Luftfahrtunternehmen beispielsweise beschäftigen sich schon lange intensiv mit Treibersimulation. Insbesondere in Bezug auf die Risikosteuerung gibt es hier schon zahlreiche Ansatzpunkte, um Risiken besser zu greifen und sich auf mögliche Situationen vorzubereiten. Überhaupt sind Unternehmen, die größeren Schwankungen unterliegen, sehr offen für diese Themen. Je volatiler die Branche, desto größer der Nutzen. Eine Hauptaufgabe wird sein, die Erfahrungen dieser Vorreiterunternehmen zu bündeln und auf die Industrie oder sonstige Unternehmen zu übertragen. 

 

Ist innerhalb der Branchen ein gewisser Druck spürbar?

Auf jeden Fall. Das sehen wir gerade im Automotive-Bereich. Wenn einer anfängt, ist das Interesse, solche Modelle zu übertragen, immens. Schließlich bedeutet es für einen Anbieter ein Wettbewerbsvorteil, wenn er in der Lage ist, schnell zu reagieren. Und auch wenn niemand damit hausieren geht – in einer doch relativ kleinen Branche wie bei den Automobilherstellern spricht sich so etwas sehr schnell herum.

 

Sie haben angedeutet, dass Sie einige bekannte Kunden betreuen, die mit Treibersimulation arbeiten. Was qualifiziert pmOne für diese Aufgabe?

Zum einen bringen wir hervorragendes Know-how im Bereich der Planung mit. Durch die langjährige Betreuung von Planungsprojekten vor allem auch bei großen Unternehmen verfügen wir über umfangreiche Erfahrung, wie solche Planungsprozesse strukturiert sind. Dazu zählen auch umfassende Kenntnisse hinsichtlich der treiberorientierten Modellierung. Hinzu kommt, dass wir bestens mit dem Werkzeug Tagetik vertraut sind und genau wissen, wie es sich für eine treiberorientierte Planung nutzen lässt. Auch was den analytischen Teil angeht, sind wir hervorragend aufgestellt: Die im vergangenen Jahr gegründete pmOne Analytics GmbH hat sich auf die Themen Simulation und Analyse spezialisiert, also die Voraussetzung, um Erkenntnisse und Wirkungszusammenhänge aufzuzeigen. Insofern können wir alle Facetten der treiberorientierten Simulation bedienen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!